Meinung & Design; quasi Streitschrift

Mitte November tauchte in meinem Twitter Stream dieser Post von den Leuten von Grilli Type aus der Schweiz auf:

»Jan Tschichold wrote his famous book “Die neue Typographie” at age 26. Damn, we’re all slackers.«

Das hat sich in meinen Kopf gebrannt und lies mich nicht mehr los. Weniger der Aspekt, dass ich in drei Jahren ein Buch herausgebracht haben muss, sondern dass es revolutionär sein muss. Machen das Graphik Designer denn noch, etwas revolutionieren?

Ich glaube die große Individualisierung des letzten halben Jahrhunderts, die neuen handwerklichen Aspekte und vor allem die absolute Demokratisierung der Handwerksmittel und die daraus resultierende Prekarisierung des Berufes »Gestalter« haben den jungen Designstudent, der heute in den Hochschulen herumspaziert hervorgebracht. Worum geht es uns denn noch? Die Einen wollen in der fetten Werbung landen. Die Anderen? Bei einer tollen kleinen Agentur unter kommen? Die im Idealfall zwei Drittel der Zeit an Projekten mit Kulturinstitutionen und das andere Drittel an selbst initiierten Projekten, die auch irgendwie Kunst sind arbeiten? So oder so ungefähr ist es an den Vorbildern abzulesen.

Im Bereich des Web-Designs sind die Innovatoren bestimmt keine Design Studenten. Das sind entweder Informatiker, Autodidakten oder Dilettanten (im besten Wortsinn) für die das Web ein Medium ist, das Sie formen wollen und lernen. Es bildeten Sich eigene Berufsbilder, die von der Lehre momentan nicht abgedeckt werden. Denn wir lernen Bücher machen. Und Plakate. Das sollte eigentlich auch gar nicht schlimm sein, denn wenn man davon ausgeht, dass man im Studium Grundlagen beigebracht bekommt und dann mit Wissen interagieren lernt, ist die Transferleistung auf neue Bereiche eigentlich kein Problem.

Tatsächlich ist es doch aber so, dass »kreative« Designer  in die Bureaus pilgern und dann Jahre mit selbstreferenzieller bohemischer Arbeit zu Gange sind. Und dann wundern warum kein Ruck mehr durch die Designlandschaft geht? Die Industrie, viele Web-Design Kollegen und der Opa von nebenan fragen zu Recht, was man denn von einem Designstudium noch hat? Oder was die Welt davon hat. Was hat die Welt von einer Hochschulausbildung, die mit ihrer »Elite« nur sich selbst füttert? Was bewegt die Design-Avantgarde denn? Bücher über Bücher? Workshops überall mit Basteln und alten Kopierern? »Bahnbrechende« aleatorische Designansätze, die von John Cage schon ab den frühen 60ern formuliert wurden? Gestalter biedern sich in ihrer Haltung so sehr entweder der Werbeindustrie oder der Kunst, Musik und Mode an, dass persönliche Haltungen einfach nur noch als Selbstinszenierung konstruiert sind. Was fehlt ist Selbstreflexion! Und Meinungen.

Nie zuvor in unserer Geschichte waren Distributionsmittel einfacher zugänglich. Nie zuvor waren die Menschen so direkt verknüpft. Und was passiert? Designer wenden sich sich selbst zu, beschweren sich über dumme Kunden und verkaufen limitierte Heftchen an sich selbst, die niemand lesen wird. Nicht mal sie selbst.

Füllt diese Seiten doch mit Inhalt. Raus aus den Meta-Ebenen, raus aus den Kommentaren und Zitaten. Was wollt ihr tun und warum? Was wollt ihr sagen? Und wie? Erklärt es euch. Erklärt es uns. Und um Meinungen zu entwickeln braucht man Wissen, also hört auf »inspirierende« Datenhalden anzuhäufen und schaut euch Originale an, lest Theorie, erfahrt Meinungen und dann zeigt der Welt dass es einen Sinn hat, Gestalter auszubilden.

Und wenn du hier angekommen bist, danke für deine Aufmerksamkeit.

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